September 2012: Der Sonntag

Der Sonntag

In diesem Jahr am 3. März hätte man eigentlich ein Jubiläum feiern müssen: 1600 Jahre Sonntag! Das wird Sie und Euch vielleicht überraschen, man denkt vielleicht zunächst, bei fast 2000 Jahren Christentum müsse es den Sonntag schon viel länger geben, und das stimmt natürlich auch. Aber als gesetzlichen Feiertag gibt es ihn seit dem 3. März 312. Damals erließ Kaiser Konstantin folgendes Edikt:

„Alle Richter, die Bevölkerung der Städte und die gesamte Erwerbstätigkeit sollen frei am verehrungswürdigen Tag der Sonne ruhen.- Die Bauern allerdings sollen frei und ungehindert der Bestellung der Felder nachgehen, da es häufig vorkommt, dass kein Tag geeigneter ist, den Getreidesamen den Furchen und die Weinstocksetzlinge den Löchern anzuvertrauen, damit nicht etwa die Gunst des Augenblicks, von himmlischer Vorsehung beschieden, verpasst werde.“ Schon damals gab es also Ausnahmen vom Sonntagsgebot.

Wo kommt der Sonntag theologisch her?

Da fallen uns zunächst einmal die 10 Gebote ein; das je nach Lesart dritte oder vierte Gebot heißt: „Gedenke, des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und all deine Arbeit tun, aber der siebte Tag ist Sabbat für den LEBENDIGEN, deinen Gott. Du sollst an ihm keinerlei Arbeit tun, du und dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht und deine Magd und dein Vieh und der Fremde bei dir, der innerhalb deiner Tore wohnt. Denn in sechs Tagen hat der LEBENDIGE den Himmel und die Erde gemacht, das Meer, und alles, was in ihnen ist, und er ruhte am siebten Tag; darum segnet der LEBENDIGE den Sabbattag und heiligte ihn.““ (Ex. 20,8-11)

Wohlgemerkt, hier geht es nicht um den Sonntag, sondern den Sabbat, den Samstag. Dies ist, bildlich gesprochen, der siebte Schöpfungstag, am dem Gott ruhte: „So wurden die Himmel und die Erde und all ihr Heer vollendet. Und Gott vollendete am siebten Tag sein Werk, das er gemacht hatte.; und er ruhte am siebten Tag von all seinem Werk, das er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte er von all seinem Werk, das Gott geschaffen hatte, indem er es machte.“ (Gen 2, 1-4)

Der Sonntag dagegen ist der erste Tag der Woche, am dem das Schöpfungswerk begann: „Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis war über der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht. Und Gott sah das Licht, dass es gut war; und Gott schied das Licht von der Finsternis. Und Gott nannte das Licht Tag, und die Finsternis Nacht. Und es wurde Abend und es wurde Morgen: der erste Tag.“ (Gen. 1, 1-5).

Und der Sonntag ist der Tag, an dem Jesus auferstanden ist. Jesus ist nicht am Sabbat, am Samstag, sondern eben am Sonntag auferstanden: „An dem ersten Wochentag aber, ganz in der Frühe, kamen sie zu der Gruft und brachten die wohlriechenden Öle, die sie bereitet hatten. Sie fanden aber den Stein von dem Grab weggewälzt.“ (Lk, 24,1-2)

Die christliche Sonntagsruhe orientiert sich aber an der jüdischen Sabbatruhe, mit allen Unterschieden, die es da gibt. Deshalb möchte ich zunächst dazu etwas sagen:

Das Gebot, den Sabbat zu heiligen, bezog sich zunächst nicht in erster Linie auf den Kult, den Schabbat-Gottesdienst, sondern auf die Unterbrechung der Arbeit, auf das »Aufhören«. Allerdings geht es bei diesem Aufhören nicht nur um Regeneration für die neuerliche Arbeit, sondern die Arbeit wird durch die Ruhe am Sabbat neu qualifiziert: Der Mensch lebt nicht, um zu arbeiten, sondern er arbeitet sechs Tage, um zu leben. Der Sabbat ist das Symbol für das Leben in Fülle. Es geht im Buch Exodus nicht um den Sabbat »an sich«, sondern um die Bedeutung des Sabbats für den Menschen.

Und genau hierauf zielte dann später die Kritik Jesu an der Art und Weise, wie der Sabbat begangen wurde ab, als ersagte: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat (Mt, 2,27).

Hat Jesus damit den Sabbat aufgehoben und damit die Kontinuität zur Hebräischen Bibel aufgekündigt?

Hierfür gibt es exegetisch keine Anhaltspunkte. Jesus steht in Kontinuität zum Ersten Testament und wendet sich im Sinne des Sabbatgebotes gegen eine damals weit verbreitete Praxis, bestimmte Handlungen am Sabbat ganz zu verbieten, wie das Heilen. Jesus bleibt also der Tora treu, legt sie aber anders aus als viele Schriftgelehrte seiner Zeit.

Wie kam es aber vom Sabbat zum Sonntag? In der frühen Christenheit feiert die Gemeinde die Auferstehung Jesu am ersten Tag der Woche (Ostermorgen!) und damit am Sonntag, zugleich aber behält sie über lange Zeit den Sabbat weiter bei. Die ersten Christen gegen am Sabbat in die Synagoge und versammeln sich am Sonntag zum Abendmahl. Erst nach und nach gehen Christen und Juden getrennte Wege. Erst mit der Einführung des Sonntags als arbeitsfreien Tag durch Kaiser Konstantin 312 trat der Sonntag als »Herrentag« an die Stelle des Sabbat. Kaiser Konstantin demonstrierte dadurch: Die Christen sind jetzt keine verfolgte Minderheit mehr, sondern das Christentum wird offizielle Religion, und der Staat schützt den Sonntag, an dem sie sich versammeln und Ruhe halten.

Im Kapitalismus kommt die Kirche dann durch die  industrielle Revolution unter Druck, weil sich die Gesellschaft verändert und der arbeitsfreie Sonntag von der Unternehmern, die auch am Sonntag Profit machen wollten, in Frage gestellt wurde. Die Kirche setzte sich nun vehement für den Erhalt des Sonntages ein. Sie begründete dies vor allem mit der Gottesdienstpflicht am Sonntag, jetzt weniger mit Aspekten der Erholung oder der Ruhe.

Aber die Alltagsordnung, die den Sonntag als Ruhetag schützte, zerbrach zunehmend. Der Sonntag wurde vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend zum Arbeitstag. Der Staat begann daraufhin im Rahmen sozialpolitischer Gesetzgebung mit der Begrenzung der Sonntagsarbeit. Dies galt zunächst für das Gewerbe. Hier brachte die von Kaiser Wilhelm erlassene Gewerbeordnungsnovelle vom 1. Juni 1891 ein grundsätzliches Verbot, von dem allerdings zahlreiche Gewerbe ausgenommen waren. Die Sonntagsarbeit im Handel in offenen Verkaufsstellen wurde auf fünf Stunden begrenzt, doch gab es für den Handel mit frischen Lebensmitteln umfangreiche Ausnahmen.

In der Weimarer Zeit setzt sich diese Entwicklung fort. Hier fing das moderne Wochenende an, sich zu entwickeln durch den sogenannten »Frühschluss« am Samstag. Es gelang der Kirche, den Sonntagsschutz auch in der Weimarer Verfassung zu verankern. Dort hieß es in Artikel 139: „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“

Dies blieb auch während der Zeit des Nationalsozialismus und der DDR so. Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland wurde der Sonntag unter Bezugnahme auf die Weimarer Verfassung unter Schutz gestellt. In unserer Gesetzgebung wurde die Sonntagsruhe im bundeseinheitlichen Arbeitszeitgesetz festgeschrieben, das ein allgemeines Beschäftigungsverbot mit zunächst  wenigen Ausnahmen verbindlich festlegt.

 

. Seit den 1980er Jahren wurde diese Situation des bisherigen Ladenschlussgesetzes vor allem von der FDP sowie von großen Einzelhandelsunternehmen in Frage gestellt. Aufweichungen der Sonntagsruhe waren die Folge.

Gesetzliche Regelung

Im bundesdeutschen Arbeitszeitgesetz gilt grundsätzlich die Regelung, dass an Sonn- und Feiertagen zwischen 0 und 24 Uhr keine Arbeitnehmer beschäftigt werden dürfen. Diese Uhrzeiten können bei Schichtarbeitern um sechs, bei Kraftfahrern um zwei Stunden verschoben werden. Es gibt zahlreiche Ausnahmen von dieser Regelung, und Arbeitnehmer dürfen in den folgenden Situationen, Diensten und Örtlichkeiten beschäftigt werden:

  1. Not- und Rettungsdienste sowie Feuerwehr
  2. Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung sowie der Funktionsfähigkeit von Gerichten und Behörden und für Zwecke der Verteidigung
  3. Krankenhäuser, Altenheime und andere Einrichtungen zur Behandlung, Pflege und Betreuung von Personen
  4. Gaststätten und anderen Einrichtungen zur Bewirtung und Beherbergung sowie im Haushalt
  5. Musikaufführungen, Theatervorstellungen, Filmvorführungen, Schaustellungen,  Darbietungen und andere ähnliche Veranstaltungen
  6. Nichtgewerbliche Aktionen und Veranstaltungen der Kirchen, Religionsgesellschaften, Verbände, Vereine, Parteien und anderer ähnlicher Vereinigungen
  7. Sportveranstaltungen und Freizeit-, Erholungs- und Vergnügungseinrichtungen, beim Fremdenverkehr sowie in Museen und wissenschaftlichen Präsenzbibliotheken

Rundfunk, Tages- und Sportpresse, bei Nachrichtenagenturen sowie bei den der Tagesaktualität dienenden Tätigkeiten für andere Presseerzeugnisse einschließlich des Austragens, bei der Herstellung von Satz, Filmen und Druckformen für tagesaktuelle Nachrichten und Bilder, bei tagesaktuellen Aufnahmen auf Ton- und Bildträger sowie beim Transport und Kommissionieren von Presseerzeugnissen, deren Ersterscheinungstag am Montag oder am Tag nach einem Feiertag liegt

  1. Messen, Ausstellungen und Märkte im Sinne des Titels IV der Gewerbeordnung  sowie bei Volksfesten
  2. Verkehrsbetriebe, sowie beim Transport und Kommissionieren von leichtverderblichen Waren
  3. Energie- und Wasserversorgungsbetriebe sowie Abfall- und Abwasserentsorgungsbetriebe
  4. Landwirtschaft und Tierhaltung sowie Einrichtungen zur Behandlung und Pflege,
  5. Bewachungsbetriebe und bei der Bewachung von Betriebsanlagen
  6. Reinigung und Instandhaltung von Betriebseinrichtungen, soweit hierdurch der regelmäßige Fortgang des eigenen oder eines fremden Betriebs bedingt ist, bei der Vorbereitung der Wiederaufnahme des vollen werktägigen Betriebs sowie bei der Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit von Datennetzen und Rechnersystemen
  7. Verhütung des Verderbens von Naturerzeugnissen oder Rohstoffen oder des Misslingens von Arbeitsergebnissen sowie bei kontinuierlich durchzuführenden Forschungsarbeiten
  8. Vermeidung einer Zerstörung oder erheblichen Beschädigung von Produktionseinrichtungen

Darüber hinaus gibt es Sonderregelungen, beispielsweise zur Arbeit in Bäckereien und Konditoreien oder zur Durchführung von dringenden Zahlungsverkehren im Wertpapierhandel.

Zu beobachten ist: Seit den 90er Jahren hat der Gesetzgeber immer mehr Ausnahmen. Zentral ist hier die neue Regelung des Arbeitszeitgesetzes von 1994, wonach die Aufsichtsbehörde „die Beschäftigung von Arbeitnehmern an Sonn- und Feiertage zu bewilligen“ hat, wenn „die Konkurrenzfähigkeit unzumutbar beeinträchtigt ist und durch die Genehmigung von Sonn- und Feiertagsarbeit die Beschäftigung gesichert werden kann“ (§13 Abs.5). Damit ist das Begründungsarsenal für Sonntagsarbeit in gravierender Weise erweitert worden: Ging es zuvor nur um Arbeiten, „die aus chemischen, biologischen, technischen oder physikalischen Gründen einen ununterbrochenen Fortgang erfordern“ (§ 13 Abs.4), so werden jetzt auch rein wirtschaftliche Gründe zugelassen. Seit 1996 dürfen sonntags Brötchen gebacken und verkauft worden. (Gesetz zur Änderung des Gesetzes über den Ladenschluss und zur Neuregelung der Arbeitszeit in Bäckereien und Konditoreien) Seit 2003 wurden auf Bundesebene zunächst vier verkaufsoffene Sonn- und Feiertage pro Jahr zugelassen. Die Verkaufszeit durften fünf Stunden nicht überschreiten und mussten um 18.00 Uhr beendet sein. Immer mehr Sonderreglungen gab es seitdem für Geschäfte in Bahnhöfen, Flughäfen und bestimmten Urlaubsregionen. Seit 2006 ist der Ladenschluss im Zuge der Föderalismusreform zur Ländersache bestimmt worden, und so gibt es immer mehr verkaufsoffenen Sonntage. In Berlin teilweise bis zu 10 im Jahr, was dann aber vom BfG untersagt wurde.

 

Die Bedeutung des Sonntages heute

Im Katechismus der katholischen Kirche wird die sonntägliche Feier  des Tages des Herrn und seiner Eucharistie als Mitte des christlichen Lebens dargestellt: Gott will das Leben, und dieses Leben wird sonntags gefeiert. Der Sonntag ist die Mitte des christlichen Lebens, und die Eucharistiefeier ist die Mitte des Sonntages; hier wird der Glaube gefeiert; der Kontakt zu Gott und zu den Nächsten. Wörtlich heißt es: So wie Gott ruhte am siebten Tag, nach dem er sein ganzes Werk vollbracht hatte, so erhält das Leben des Menschen durch die Arbeit und die Ruhe seinen Rhythmus. Die Einsetzung des Tages des Herrn trägt dazu bei, dass alle über genügend Zeit der Ruhe und der Muße verfügen um ihr familiäres, kulturelles, gesellschaftliches und religiöses Leben zu pflegen.“ (2184). Als Ausnahme werden Familienpflichten und wichtige soziale Aufgaben genannt; dann wird aber betont: „Die Gläubigen sollen aber darauf achten, dass berechtigte Entschuldigungen nicht zu Gewohnheiten führen, die für die Gottesverehrung, das Familienleben und die Gesundheit nachteilig sind.“  (2185) . Und es wird betont, dass der Sonntag guten Werken und demütigem Dienst an Kranken, Behinderten und alten Menschen gewidmet ist. Wer also am Sonntag Kranke, ‚Alte, oder Behinderte pflegt bzw. ihnen hilft, verstößt damit nicht gegen den Sonntag, sondern heiligt ihn in besonderer Weise. (2186)

 

Soweit der Katechismus. Aber wie können wir  die sonntägliche Ruhe in unserer Zeit so beschreiben, so in Worte und Gedanken fassen, dass damit die Frage beantwortet wird: Was ist uns der Sonntag wert? Oder: Was sollte er uns wert sein? Oder, noch anders: Was kann er uns wert sein, wozu lädt uns die biblisch verstandene Ruhe am Sonntag ein?

Eins ist schon klar: Ruhe ist auf jeden Fall mehr als Ausruhen, als nur »Von-der-Arbeit-erholen«. Ruhe ist viel mehr. Drei Aspekte oder Dimensionen sehe ich in der biblischen Tradition vom Sabbat. Die müssen nicht an jedem Sonntag alle in Reinkultur vorhanden sein, und sie überschneiden sich auch. Aber an diesen Aspekten können wir uns orientieren, wenn wir nach dem Sinn, dem Wert des Sonntags für uns Menschen fragen.

Diese Dimensionen der Ruhe sind: Befreiung, Unterbrechung und Vergewisserung.

Ich möchte sie kurz in ihrer Bedeutung skizzieren.

Befreiung.

An Anfang des Sabbats steht eine Befreiung. Die Erfahrung der Befreiung des Volkes Israels aus der Sklaverei. Also eine kollektive, gesellschaftliche Erfahrung. Befreiung erinnert aber auch an die Hochschätzung des Sonntags als Tag der Auferstehung und damit der Befreiung von Sünde, Schuld und Tod. Im Gedanken der Befreiung liegt zugleich ein überschießendes Element, welches an die Feier, die Ekstase denken lässt. Im Sabbat, im Sonntag und im Gottesdienst »feiert« der Mensch seine Unabhängigkeit vom (Arbeits-) System und von der Sünde, feiert die gottgegebene Freiheit und Identität, feiert das Leben. Die Arbeitsruhe ist die Erinnerung an diese Freistellung. Und sie ist damit verbunden mit sozialer Verantwortung.

Unterbrechung.

Arbeit, oder sagen wir besser: der Alltag wird am siebten Tag unterbrochen. Gott ruht am siebten Tag nachdem er die Welt geschaffen hat. Er betrachtet noch einmal alles, was er gemacht hatte, und fand es sehr gut. Aber dieses Betrachten ist nicht das Entscheidende, denn das macht er ja auch am Ende jedes einzelnen Schöpfungstages. Es geht also auch hier eher um die Unterbrechung des Gewohnten. Der Mensch soll eben nicht in der Arbeit, im Alltag aufgehen. Es gibt noch mehr.

Von Johann Baptist Metz stammt der einprägsame Satz, die kürzeste Formel für Religion sei Unterbrechung. Der Einbruch des göttlichen Heils unterbricht den Lebenszusammenhang der unerlösten Welt, die Unendlichkeit des Immer- weiter-so. Diese Welt wird mit dem Sabbat und am Sabbat unterbrochen, nicht die Arbeit des oder der Einzelnen. Die Welt des Profitmachens ist nicht alles, sondern es gibt noch mehr; ein Leben, das nicht für die Arbeit da ist.

Diese verweist dann schon auf die Notwendigkeit, bestimmte Unterbrechungen gesellschaftlich zu organisieren und zu verabreden. Hier kommt eine soziale Perspektive mit hinein. Auch in früheren Zeiten gab es kulturell geformte Ruheordnungen, oft von der Kirche oder der Obrigkeit vorgegeben. Diese Verabredungen müssen heute im Dialog ausgehandelt werden, weitgehender Konsens ist in einer zunehmend individualisierten und multikulturellen Gesellschaft kaum mehr möglich. In demokratisch organisierten Gesellschaften übernimmt der politische Gestaltungsweg hier eine Schlüsselstellung. Politische Mehrheiten müssen organisiert werden, dazu gehört die inhaltliche Überzeugungsarbeit. Hier ist an die Arbeit der unterschiedlichen Bewegungen zu erinnern, die teils beachtliche Erfolge haben. In den letzten Jahren gilt dies z.B. für die »Allianz für den freien Sonntag.  Hier arbeiten die Kirchen eng zusammen mit den Gewerkschaften, aber auch mit dem Sportbund.

Vergewisserung.

Vergewisserung geschieht vor allem in dem, was wir Gottesdienst nennen. Das Versammeln der Gläubigen um zu singen und zu beten, zu danken und zu loben, um sich über den Glauben zu vergewissern in Schriftlesung und Predigt, um die beiden großen Zeichen unseres christlichen Glaubens zu praktizieren, die einmalige Taufe und die stets wiederholte Mahlfeier oder Messfeier. Es braucht den Gottesdienst für unseren Glauben, wir müssen uns über uns und unseren Glauben stets neu vergewissern und es macht Sinn, dies in Verbindung mit der Unterbrechung des Gewohnten, Alltäglichen am Ruhetag zu feiern. Der Ruhetag ist keineswegs nur für den Gottesdienst da und der Gottesdienst macht den Ruhetag nicht zum Sonntag oder Sabbat. Weil Gott der Welt in den Arm fällt und Erlösung anbietet, das gewohnte Immer-weiter-so unterbricht, ist es symbolisch sinnvoll, die Vergewisserung darüber, die Feier des Lebens im Gottesdienst auf den Ruhetag zu legen.

Befreiung, Unterbrechung, Vergewisserung – drei Dimensionen der biblischen Ruhe am Sabbat, am Sonntag. Sie verweisen auf Aspekte unseres Lebens, die im Alltag nicht zur Geltung kommen. Alle drei setzen einen Gegenpunkt zum Alltag, zum alltäglichen. Manche Theologen verweisen darauf, dass es vielleicht noch einen vierten Begriff geben könnte, der hier und da schon aufgeleuchtet ist: die biblische Ruhe bringt ein spielerisches Element ins Leben hinein. Vielleicht im ersten Moment etwas überraschend. Bei Spiel denken wir ja an alles mögliche und nicht alles, was uns da einfällt, passt hier. Aber bestimmte Aspekte des Spiels schon.

Ich zitiere aus einem Aufsatz von Petra Dais: »Im Deutschen steht das Wort ›Spiel‹ für sehr Verschiedenes: Sei es das Kinderspiel, das Glücksspiel, das ›so Tun als ob‹ – aber auch das Spiel der Musik, der Wellen und Farben. Eine Achse braucht Spiel, um sich bewegen zu können, ebenso eine Schublade. Hier wird das Spiel als Zwischenraum verstanden, der Bewegung zulässt im Gegensatz zum Stillstand durch Verkantung. Dieser Aspekt von Spiel präzisiert sehr deutlich, um was es bei Spiel als existenzielle Lebensbewegung geht. Es ist das Bewegungsprinzip, das für Lebendigkeit von zentraler Bedeutung ist, im Gegensatz zu Formen der Fixierung und damit der Feststellung! Etwas erzwingen zu wollen, verhindert Spiel. Von daher ist der Gegensatz von Spiel nicht der Ernst, sondern viel eher Verbissenheit und Krampf.« In diesem Sinn kann Spiel als Dimension der Sabbatruhe, der Sonntagsruhe verstanden werden. Spiel verschafft Spiel-Raum. Ernst Lange beschreibt die Möglichkeiten, die sich hier eröffnen: »Spielend entdecken wir Alternativen zum gewohnten Verhalten, überschreiten wir die Grenzen unserer Alltagsrollen und probieren andere aus, testen wir Problemlösungen, die vom Üblichen abweichen. Das Spiel ist das Übungsfeld unserer Freiheit. Da schließt sich der Kreis, die Freiheit ist wieder im »Spiel«, genauso wie die Unterbrechung des Alltags. Spiel nimmt dabei die Leichtigkeit unseres Daseins und die Lebensfreude mit auf, beides Aspekte, die im Sonntag mit aufleuchten.

So schreibt auch die Theologin Ina Praetorius: »Insofern Spiel und Unterhaltung das Sich lösen vom gewöhnlichen Tätigsein erleichtern,  sind sie Teil der Ruhe.«

Der Sonntag ist daher in meinen Augen ein hohes Kulturgut, das es zu schützen gilt. Die Kirchen schaffen das aber nicht allein, sondern brauchen dafür Bündnispartner, und die findet sie vor allem in der Politik und bei den Gewerkschaften.