Dezember 2020: Rede zum 70. Geburtstag von Hans-Henning Adler

Lieber Henning,

 

Danke, dass ich einige Worte sagen darf. Du wirst heute 70; davon kennen wir uns immerhin mehr oder weniger schon 29 Jahre. Ich möchte einfach ganz kurz in fünf Minuten sechs Schlaglichter nennen, die ich mit Dir erlebte habe:

Erstes Schlaglicht: Vor ziemlich genau 30 Jahren, im Dezember 1989, Du wurdest gerade 40, ich 17, wir kannten uns noch nicht persönlich, gab es in der NWZ einen Leserbriefdialog zwischen uns beiden: Du hattest Dich damals öffentlich für einen Reformkurs der DKP ausgesprochen; dies bezeichnete ich in einem Leserbrief als unglaubwürdig – und wenn man sich als 17jähriger für Politik interessiert, glaubt man ja ganz genau und viel besser als alle anderen zu wissen, was richtig und was falsch ist.

Zitat aus meinem damaligen Leserbrief: „Nach mehr als fünf Jahren Gorbatschow hat es nun auch schon der Oldenburger Kreisverband der DKP kapiert, was zur Zeit im Ostblock passiert. Ich nehme der Oldenburger DKP diese späte Einsicht einfach nicht ab.“

 Du, lieber Hans-Henning, nicht ahnend, dass Du Dich mit einem 17jährigen unterhieltest, aber auch nicht, dass wir uns einmal in derselben Partei wiedertreffen würden, schriebst  dagegen in einem Gegenleserbrief:

„Herr Jonas Christopher Höpken trifft über die Oldenburger DKP Feststellungen, denen ich als ehemaliger Funktionär der Oldenburger Organisation dieser Partei entschieden widersprechen möchte. Wenn Herr Höpken sich z.B. die Aussagen der Oldenburger DKP-Zeitung Pulverturm aus den Jahren 1987 bis 1989 näher ansieht, wird er seine Vorwürfe nicht aufrechterhalten können. In Oldenburg wurde die Kritik am verkrusteten System der DDR schon früh geäußert und publik gemacht.

Herr Höpken sieht keine Chance für eine demokratische Partei links der SPD, da diese ihrer Rolle als linksdemokratische Partei gerecht werde. Ich dagegen sage: Solange die SPD mit einem Grundsatzprogramm wirbt, das keine substantiellen Eingriffe in die Entscheidungsgewalt von Großunternehmen enthält, wird es in der Bundesrepublik immer eine Linke gegeben, die-  bei aller Freundschaft –  in der SPD keine politische Heimat finden kann.“

 „Wird es in der Bundesrepublik eine Linke geben“ – heute wissen wir, lieber Hans-Henning, wer von uns beiden Recht behalten hat.

Als wir uns vielleicht 1 Jahr später persönlich kennenlernten, war mir nicht klar, dass Du es warst, mit dem ich diesen Leserbrief-Dialog damals gehabt hatte, sondern das wurde mir erst viel, viel später klar, als wir uns schon gut kannten und mir im Rahmen eines Umzuges mal meine alten Leserbriefe in die Hand fielen.

Die nächste relevante öffentliche Auseinandersetzung zwischen uns beiden gab es übrigens erst 29 Jahre später im Stadtrat, Anfang diesen Jahres; da ging es um die Frage der Vergabe städtischer  Räume; ansonsten hatten wir in diesen 29 Jahren meistens in den wesentlichen politischen Fragen viele Gemeinsamkeiten, auch aus zunächst unterschiedlichen Parteien heraus.

Zweites Schlaglicht:  Als ich Anfang der 90er Jahre bei den Jusos in der SPD aktiv wurde, warst Du auf Bundesebene maßgeblich daran beteiligt, die PDS im Westen zu gründen, warst dabei aber auch schon immer gleichzeitig lokalpolitisch aktiv. Wir lernten uns in dieser Zeit bei Vorbereitungstreffen zum Oldenburger Ostermarsch kennen, und zumindest ich hatte damals ziemlich von Anfang an das Gefühl, einen Draht zu Dir und mit Dir einen guten Bündnispartner aus einer anderen Partei zu haben.

Drittes Schlaglicht:  1994 ging ich für mein Theologiestudium für einige Jahre nach Münster, wurde dort auch bei den Jusos aktiv und sprach mich dort früh für eine Zusammenarbeit von SPD und PDS aus. Damit war ich in Münster auch bei den Jusos in der totalen Minderheit; die hatten dort ein ganz diabolisches Bild von der PDS; und da habe ich im nordrhein-westfälischen Münster vorgeschlagen, doch mal den niedersächsischen Landesvorsitzenden der PDS zu einem Gespräch einzuladen; das warst damals nämlich Du, lieber Hans-Henning; das machten wir dann auch.  Wir haben dann mit Dir auch ein gutes Gespräch geführt; allerdings durften wir mit Dir als PDS-Vertreter weder im SPD-Büro tagen, sondern wir trafen uns in einer Kneipe, noch durften wir Dir die Fahrtkosten für die immerhin 320 km lange Autofahrt von Oldenburg nach Münster hin und zurück erstatten, was ich Dir gegenüber, weil das auch irgendwie peinlich war, stillschweigend gar nicht erwähnte; das heißt: Du bist damals auf eigene Kosten von Oldenburg nach Münster und zurück gefahren, um mit uns dieses gute Gespräch mit uns zu führen.

Viertes Schaglicht: Als es ab 2005 zu dem Parteineubildungsprozess zwischen PDS und WASG kam, warst Du auf PDS-Seite daran maßgeblich beteiligt; ich war in der WASG; in der Oldenburger WASG waren damals allerdings skeptisch gegenüber der Parteineubildung; das führte wiederum dazu, dass es Versammlungen gab, in denen ich als WASG-Mitglied aus der PDS heraus, vor allem von Dir, gegen Vorwürfe aus der WASG in Schutz genommen wurde.

Fünftes Schlaglicht: Auf dem Weg zu einer der Landesparteitage, die die Parteineubildung vorbereiteten, habe ich Dein Auto zu Schrott gefahren; Gottseidank ist sonst nichts passiert, weder uns noch unseren beiden Mitfahrern, sonst ständen wir hier heute nicht, und die Geschichte der Oldenburger Ratspolitik wäre anders verlaufen; und glücklicherweise warst Du gut versichert.

Sechstes Schlaglicht: Seit dem November 2011 arbeiten wir in der Ratsfraktion zusammen. Zunächst war für einige Zeit Christine Arndt Vorsitzende, dann, wie schon vorher viele Jahre Du.

Du prägst die Fraktion nach außen sehr wesentlich, hast ja auch bei den anderen politischen Kräften ein hohes Ansehen und verkörperst die richtige Mischung aus politischer Seriosität und klarem linken politischen Profil.

Du spielst aber auch nach innen eine Rolle, die man eigentlich nicht hoch genug einschätzen kann, durch Deine riesige politische Erfahrungen, dann der Tatsache, dass Du Jurist bist; es ist für eine Ratsfraktion sehr viel Wert,  in den eigenen Reihen juristischen Sachverstand  zu haben, weil das der Verwaltung einen Vorsprung nimmt, den sie sonst gegenüber den Fraktionen hat. Und es gibt in Oldenburg ja die goldene Regel: Wenn ins einer relevanten Frage die Stadtverwaltung die Rechtsposition A vertritt und Hans-Henning Adler die dem entgegenstehende Rechtsposition B, stellt sich am Ende Rechtsposition B als die zutreffende heraus.

Und der dritte Punkt:  Du arbeitest Dich unheimlich stark in die Themen ein, zum Beispiel in die Bahnfrage; das muss man erstmal schaffen, dem Planfeststellungsbeschluss zum Ausbau der Stadtstrecke so eine Stellungnahme entgegenzuhalten, wie Du es gemacht hast. Ich hoffe daher, dass Du auch in der nächsten Ratsperiode weiterhin für die Linke im Stadtrat sitzt.

In diesem Sinne: Bleib gesund! Bleib wie Du bist! Mach weiter! Herzlichen Glückwunsch!