Meine Erinnerungen an Ruudi Ivanov

Meine Erinnerungen an Ruudi Ivanov

 Kennengelernt habe ich Ruudi als 3jähriger durch den Miniclub, den meine Mutter in der katholischen Kirchengemeinde St. Christophorus organisierte und dem sich Marion und Ruudi mit ihrer Tochter Maie trotz atheistischer Grundhaltung anschlossen. Ich fand Ruudi, den Vater von Maie, schon als Kind interessant und beeindruckend.

Einige Szenen von damals sind mir in Erinnerung geblieben:

Ein Kindergeburtstag von Maie, an dem mein Vater und Ruudi sich unterhielten. Mein Vater erzählte von seiner Arbeit mit EDV-Systemen und erklärte:

„Ich bin Systemberater.“

Ruudi erwiderte trocken:

„Und ich bin Systemkritiker.“

Schon früh wurde ich mit den politischen Ansichten von Ruudi konfrontiert. So erklärte er mir, als ich als Kindergartenkind einmal bei den Ivanovs übernachten durfte, am Frühstückstisch den Unterschied von Arm und Reich und dass es an der falschen Politik liegt, dass es diesen Unterschied gibt. Diese Erklärung muss für mich immerhin so nachvollziehbar und beeindruckend gewesen sein, dass dieses Gespräch zu den wenigen Szenen meiner frühesten Kindheit gehört, an die ich bis heute eine plastische Erinnerung habe.

Aber dafür gibt es noch mehr Beispiele: Ruudi erzog seine Kinder gemeinsam mit Marion zum Realismus. Als Maie und ich bei Ivanovs einmal Sesamstraße guckten, frage ich sie, warum Ernie und Bert, die ich für reale Personen hielt, keine Zähne hätten. Maie antwortete ganz nüchtern:

„Puppen haben keine Zähne.“

Rudi nickte seiner Tochter zufrieden zu, während dem kleinen Jonas der Mund offenstand.

Auch mit der Tatsache, dass es Menschen gibt, die nicht an Gott glauben, wurde ich durch Ruudi sehr frühzeitig konfrontiert. Es gab eine Situation, als sowohl Maie als auch ich im Kindergarten überraschend länger als sonst, nämlich bis nach 12.00 Uhr darauf warten mussten, von unseren jeweiligen Eltern abgeholt zu werden. Ich sagte zu Maie:

„Komm, wir beten zum lieben Gott, dass unsere Eltern gleich kommen.“

Maie antwortete:

„Es gibt doch gar keinen Gott!“

Als ich dies bestritt und Ruudi schließlich kam, um Maie abzuholen, bestätigte er diese für mich ganz neue atheistische Weltsicht. Für meinen weiteren Weg war es sehr gut, dass ich durch die Ivanovs von der Option Atheismus quasi schon immer wusste.

Durch Ruudi erfuhr ich schon als Kind, dass es eine DKP gibt, die er gut fand, die also nicht der Ausbund des Bösen sein konnte. Über die Grünen sagte er mir später, denen habe er sich nicht lange anschließen können, da es dort zu viele Gottgläubige gäbe.

Die Frage, ob es Gott gibt oder nicht, spielte in meiner Korrespondenz mit Ruudi immer wieder eine wichtige Rolle – Oft versuchte er, mir Argumente vorzutragen, die die Existenz Gottes widerlegen sollten. Andererseits schenkte er mir mehrere Bibeln, also mehr als es die meisten anderen Menschen taten, darunter eine estnische und eine russische. Zu meinem letzten Geburtstag 2021 schenkte er mit einen Talmud. Da ich wegen Corona keine Gäste eingeladen hatte – zu meinen sozialistischen Liederabenden war er immer gerne gekommen -, kam er einfach so vorbei und überreichte ihn mir.

Als ich mit knapp sechs Jahren schon so weit war, dass ich mit dem Rad alleine zum Besuch zu Ivanovs fahren konnte, klebte an der Wohnungstür ein offensichtlich von Ruudi angebrachter linker Aufkleber mit gemalten Polizisten und der Aufschrift

„Wir dürfen hier nicht rein.“

Dieser Aufkleber schockierte mich so sehr, dass ich nicht klingelte, sondern schnurstracks wieder zurückfuhr und zu Hause von dem Aufkleber erzählte, den ich in kindlicher Phantasie auf mich bezogen hatte. Meine Mutter fragte:

„War denn die Familie Höpken auf dem Aufkleber abgebildet?“

Als ich dies verneinte, motivierte sie mich, nochmal loszufahren; Rudi habe nämlich schon angerufen und gefragt, wo ich bleibe; ich sei dort also offensichtlich trotz des Aufklebers herzlich willkommen.

Als die Wege von Maie und ich sich nach der Kindergartenzeit trennten, gab es für einige Reihe von Jahren nur sporadischen Kontakt zu Ruudi; aber ich sah ihn zum Beispiel auf Kleingärtnerfesten und auf Demonstrationen, wo er immer ein humorvolles Wort auf den Lippen hatte. Mit Skepsis und manch spöttischer Bemerkung betrachtete er mein früheres Engagement in der SPD.

Später traf ich ihn dann in der LINKEN wieder, wo er die Mitgliederversammlungen durch seine humorvollen Beiträge immer bereicherte und wo er fast immer dabei war, wenn die LINKE einen Stand in der Innenstadt veranstaltete oder wenn es Flugblätter zu verteilen galt, ohne selbst jemals ein politisches Amt anzustreben.

Auf Ruudi war immer Verlass. Und ich habe nie eine Begegnung mit ihm erlebt, die mir kein fröhliches Lächeln ins Gesicht zauberte.

 

Jonas