Leserbrief zum Kommentar von Thomas Haselier “Eine echte Kardinalsfrage” (NWZ vom 24.3.21)

Leserbrief zum Kommentar von Thomas Haselier „Eine echte Kardinalsfrage“ (NWZ vom 24.3.21)
Natürlich ist Haseliers Kritik an eklatanten Schwachstellen der katholischen Kirche völlig berechtigt. Der Umgang mit sexuellem Missbrauch, die Nichtzulassung des Frauenpriestertums, die Verweigerung des Segens für homosexuelle Paare, meinetwegen auch bestimmte Ausprägungen des Kirchensteuersystems – all dies wird innerhalb der Kirche kontrovers diskutiert, und die wenigsten mir bekannten katholischen Gläubigen würden Herrn Haselier in diesen Punkten inhaltlich widersprechen.
Doch gerade von  dem politisch progressiven Haselier erwarte ich, dass er – zumal in einem Kommentar auf der politischen Meinungsseite – auch die andere Seite des Katholizismus in den Blick nimmt: einen Papst, der im Interesse der gleichen Würde eines jeden Gotteskindes den Mut zu einer grundlegenden Kapitalismuskritik aufbringt. Hier stellt sich gerade bei einem politischen Kommentator die Frage der Verhältnismäßigkeit. Ich jedenfalls finde die von Papst Franziskus in den Vordergrund gestellten Themen des skandalösen Massensterbens im Mittelmeer, der tötenden Maschinerie des Kapitalismus, der  menschheitsgefährdenden ökologischen Katastrophe sowie des staatlich angeordneten Mordes in Rohstoffkriegen weitaus gravierender als die Frage, ob ein gutbürgerliches Homosexuellen-Pärchen in einer katholischen Kirche einen  Segensspruch bekommt oder dafür um die Ecke in die evangelische Kirche muss. Das eine ist die Beschäftigung mit den zentralen Überlebensfragen der menschlichen Zivilisation, das andere ist Identitätspolitik.
Jonas Christopher Höpken