Leserbrief zum Kommentar von Alexander Will “Eine Religion liegt im Sterben”

Leserbrief zum Kommentar von Alexander Will “Eine Religion liegt im Sterben” (NWZ vom 6.3.2021)
Jeder aufmerksamer NWZ-Leser weiß: Für Alexander Will gehört der Islam nicht zu Deutschland. Muslime sind hierzulande allenfalls zu dulden, wenn sie nicht weiter auffallen. Mit ihrer Religion auf die Nerven gehen sollen sie uns nicht. Obwohl sie über 5% der Bevölkerung stellen.
Nun aber erfährt der staunende Leser: Für Alexander Will gehört das Christentum unbedingt zum Irak! Zwar beträgt ihr Anteil dort weniger als 1%. Von Papst Franziskus fordert Will aber ein: Er soll bei seinem Irak-Besuch “selbstbewusst” auftreten – nicht so “primanerhaft;” damit würde er in dieser “robusten” Region sowieso nicht ernst genommen. Wie sahen die Kommentare von Will noch mal aus, als Erdogan in Deutschland alles andere als primanerhaft, sondern sehr robust auftrat?
Gut dass der Papst nicht auf Alexander Will gehört hat. Mit seinem höflichen und wertschätzendem Auftreten – das übrigens nichts mit mangelndem Selbstbewusstsein, eher mit Achtung vor sich und den anderen zu tun hat – traf er als erster Papst der Weltgeschichte, der den Irak besuchte, genau den richtigen Ton.
Ich erinnere mich an selbstbewusste Aussagen der christlichen Kirchen in Deutschland zur Flüchtlingspolitik, Krieg und Kapitalismus, die Alexander Will gar nicht gefielen. Hier stimmte er in den Chor derer ein, die den Kirchen in unserer säkularen Gesellschaft mehr politische Zurückhaltung und die Konzentration auf reine Seelsorge empfahlen. Wenn es um den Dialog zwischen den Religionen geht, sind Will die christlichen Kirchen dagegen zu lasch. Er wünscht sie sich ein wenig aggressiver – also eigentlich ein wenig islamischer, jedenfalls nach seiner Definition.
Will sollte zur Kenntnis nehmen: Nach Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils, dem der Papst als Oberhaupt der katholischen Kirche verpflichtet ist, begegnen Christen Muslimen mit Hochachtung, da beide an den selben Gott glauben, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise. Logisch – es gibt ja nur einen. Christliches Selbstbewusstsein zeigt sich nicht in einem möglichst lauten Wettstreit zwischen den Religionen, sondern in der Überzeugung, dass Gott, der sich in Jesus Christus geoffenbart hat, jeden Menschen nach seinem Bild geschaffen und mit unveräußerlicher Würde ausgestattet hat. Diese Überzeugung führt zu solidarischem Handeln und der Achtung anderer Glaubensüberzeugungen.
Jonas Christopher Höpken