Leserbrief zum Artikel “Ein glühender Antikommunist” (NWZ vom 05.05.2020)

Leserbrief zum Artikel „Ein glühender Antikommunist“ (NWZ vom 05.05.2020)

Alexander Brüggemann zeichnet ein sehr einseitiges Bild des heiligen Johannes Paul II und wird seinem Pontifikat nicht gerecht. Zweifellos war Karol Wojtyla ein leidenschaftlicher Kämpfer gegen die kommunistischen Diktaturen und hat nicht unerheblich zum Fall des Eisernen Vorhangs beigetragen. Das stalinistische Regime, in dem er aufwuchs, war ihm zurecht verhasst. Aber er war eben auch ein glühender Antikapitalist. Früher als die meisten anderen erkannte er nach dem Ende des Kommunismus die Gefahren, die von einer ungezügelten Freisetzung der Marktkräfte ausgingen und las in seinen Sozialenzykliken den kapitalistischen Ausbeutern die Leviten. Sein Einsatz galt der Schaffung sozialer Wirtschaftsstrukturen und einer gerechten Verteilung der Reichtümer. Damit im Zusammenhang stand auch seine klare Anti-Kriegs-Haltung. Leider vergeblich versuchte er den Irak-Krieg zu verhindern und wandte sich scharf gegen den militärischen Interventionismus, dessen verheerende Folgen wir heute nicht nur im Nahen Osten sehen. Damit wandte er sich auch klar gegen das Verhalten der damaligen polnischen Regierung.
Theologisch nicht hoch genug einzuschätzen ist der von Johannes Paul II ins Leben gerufene interreligiöse Dialog. Er trieb die Versöhnung mit dem Judentum voran, das er theologisch aufwertete und hochschätzte – für jemanden, der in den 20er und 30er Jahren in Polen aufwuchs alles andere als selbstverständlich. Aber auch sein Dialogprozess mit dem Islam und den anderen Weltreligionen war wegweisend. Das antisemitische, islamophobe und undemokratische Agieren der heutigen polnischen Regierung und anderer vermeintlich katholisch geprägter Staaten ist ein trauriger Verrat am Erbe von Johannes Paul II. Die Erinnerung an ihn sollte Mahnung zur Umkehr hin zu einer freiheitlich und sozial ausgerichteten Politik sein.

Jonas Christopher Höpken