Leserbrief zum Artikel “Die Identität Ehe” (CiG 42/2019)

Leserbrief zum Artikel „Die Identität Ehe“ (CiG 42/2019)

„Menschheitsgeschichtlich steht aber fest: Alle ehemals überzeugenden alten Religionen sind untergegangen, weil sie sich beharrlich neuen Weltsichten und Verständnisweisen verweigerten.“ So steht es auf Seite 461 der CiG 42/2019.  Aber nur zwei Seiten davor versucht Johannes Röser –  vermeintlich im Interesse des christlichen Profils – genau so einen verlorenen Kampf zu kämpfen, nämlich den gegen die Ehe für alle. Zwar spricht er sich klar gegen Diskriminierung und Verfolgung Homosexueller aus, stellt die heterosexuelle Ehe aber mir Thiede als zur Identität christlicher Moral gehörend dar.  Röser verkennt, dass das Christentum nur dann zukunftsfähig und überzeugend sein kann, wenn es die tief in der Kulturgeschichte der Menschheit verwurzelten homophobe Ideologie überwindet. Und zwar nicht, um damit ein Stück Fundament des Christentums aufzugeben, sondern im Gegenteil um durch die stets notwendige Erneuerung der tragenden Stützen des christlichen Gebäudes ein Einstürzen desselben zu verhindern. Das Christentum der Zukunft kann in dieser Frage nicht ernsthaft an der Seite von ewig gestrigen Rechtspopulisten stehen.  
Es geht hier um nicht weniger als um die Gottesfrage. Wenn wirklich Gott den Menschen geschaffen hat und in Jesus Christus selbst Mensch geworden ist, wenn er den Menschen wirklich liebt und seine Erlösung will, kann dies unmöglich damit verbunden sein, die sexuelle Identität eines Teils dieser Menschheit gering zu schätzen – jedenfalls wenn es sich, anders als bei der Neigung der Pädopholie oder der krankhaften Lust an Vergewaltigungen, um beidseitig gewollte Sexualität auf Augenhöhe handelt. Schon gar nicht kann eine solche Geringschätzung  zum Kern christlicher Identität gehören.
Warum es in nahezu allen menschlichen Kulturen zur Diskriminierung von Homosexuellen kam ist offenkundig: Es ging  um die Stabilisierung der hetererosexuellen Partnerschaft zur Sicherung des Nachwuchses. Dadurch kam es auch zur Verurteilung von homosexuellen Handlungen im Ersten Testament. Entsprechende Aussagen zum Beispiel im Buch Deuteronomium stehen in einer Reihe mit Geboten wie denen, keine Überwürfe ohne Quasten zutragen, keine Handmühlen als Pfand zu nehmen und Ochsen beim Dreschen keinen Maulkorb anzulegen. Es handelt sich um praktische Tipps für den Alltag, die aber eingeordnet sind in das Bild von einem Gott, der das Wohlergehen der menschlichen Gemeinschaft will.
Rösler beruft sich ausdrücklich auf das angebliche  „jesuanische Eheverständnis“. Abgesehen davon, dass Jesus in den Evangelien eher eine ehe- und familienkritische Haltung an den Tag legt, betont er in der Tat stark den Wert der unbedingten Treue in der Partnerschaft. Wie übrigens auch den Wert der unbedingten Gewaltlosigkeit in der menschlichen Gesellschaft. Beides sind jesuanische Ideale, an denen sich das menschliche Verhalten messen muss. Es gibt aber nicht den geringsten Anhalt dafür, dass es zur jesuanischen Ethik gehört, eine homosexuelle Orientierung abzuwerten – auch wenn der historische Jesus als Kind seiner Zeit sicherlich keine Gedanken an eine 2000 Jahre später in der Bundesrepublik Deutschland verwirklichte rechtliche Gleichstellung mit der bürgerlichen Ehe mit sich herumgetragen hat; schließlich gab es die bürgerliche Ehe zu seiner Zeit noch gar nicht. Aber wer das Gottesbild Jesu zu Ende denkt – mit seiner vorrangigen Option für die Armen und für die Benachteiligten – kommt im Gegenteil zu einem allgemeinen menschlichen Diskriminierungsverbot, das auch für homosexuelle Menschen gelten muss.
Als Christ die rechtliche Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften zu befürworten und sich gegen jegliche Diskriminierung homosexueller Menschen, vielmehr für ihre volle Anerkennung einzusetzen, ist das daher nicht, wie Röser ernsthaft suggeriert, eine Abkehr von christlicher Moral, sondern das konsequente Weiterdenken des Glaubens an den Gott Israels und den Gott Jesu Christi.

Jonas Christopher Höpken (kath. Theol.)