Identitätspolitischer Wahn führt zum Gegenteil eines multikulturellen Weltbildes

Leserbrief zum Artikel „Artefakt aus einer vergangenen Zeit“ (Welt am Sonntag 25/2022)
In der Neuauflage der deutschsprachigen Enid Blyton-Bücher gibt es also keine Schwarzen mehr. Nur noch Weiße. Natürlich ohne Rasta-Locken, bestimmt nur mit gut gekämmten blonden Haaren. Kann das wirklich die Lösung sein? Bekämpft man Rassismus, indem man die Kinderwelt der Buntheit, der auch äußerlich sichtbaren kulturellen Vielfalt beraubt? Oder glaubt irgend jemand, wenn menschliche Hautfarbe in Kinderbüchern nicht mehr erwähnt wird, stellen Kinder sich automatisch auch  Schwarze und asiatisch aussehende Menschen vor- und eben nicht nur Weiße? Hier führt identitätspolitischer Wahn zum Gegenteil eines multikulturellen Weltbildes – zu einer traurigen grauen Einheitswelt.
Sicher, es gibt auch die Gefahr des Positiv-Rassismus: Für mich als Kind war der Schwarze mit rollenden Augen und blitzend weißen Zähnen immer der Gute, der mich faszinierte – aber natürlich auch der Exotische und damit der Andere.  Aber ist das wirklich so schlimm? Zum Rassisten bin ich deshalb nicht geworden; im Gegenteil. Kann es wirklich der richtige Weg sein, Rassismus durch Leugnung von Vielfalt zu bekämpfen?
Die nächste Maßnahme steht sicher schon vor der Tür: die Ausmerzung der Unterschiede zwischen Frau und Mann aus Literatur und Filmkunst. Damit verbunden die Streichung von Liebe und Erotik aus der Poesie. Prüderie war in der realen Welt  immer schon eher ein linkes als ein katholisches Problem. Schafft man so mehr Gleichheit zwischen den Geschlechtern?
Sahra Wagenknecht hat schon Recht: Wer die Diskriminierung und Benachteiligung von Menschen wirklich bekämpfen will, muss die soziale Frage in den Mittelpunkt stellen – nicht die Frage von politisch korrekter Sprachsemantik.
Jonas Christopher Höpken