Disput, Mai 2011: Die Linke und die Religion

„Die ganze Gemeinde war ein Herz und eine Seele; und auch nicht einer sagte, dass etwas von seiner Habe sein eigen sei, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“ (Apg, 5,32). Dieses biblische Bild der urchristlichen kommunistischen  Gütergemeinschaft zeigt, welches gesellschaftspolitische Ideal hinter den Anfängen des Christentums steht: eine solidarische Gesellschaft von Freien und Gleichen. Damit ist im christlichen Glauben ein progressives, gesellschafts- und herrschaftskritisches Potential grundgelegt. Und zwar nicht nur im Neuen Testament. Gerade der Teil der Bibel, den die Christenheit mit dem Judentum gemeinsam hat und der auch den Islam mit geprägt hat, ist durchzogen von einem gigantischen Potential der Kampfes für soziale Gerechtigkeit: das Alte bzw. Erste Testament. Der biblische Zusammenhang von Glaube und sozialem Ethos ist dort grundgelegt in der Vorstellung der Gottesebenbildlichkeit von Mann und Frau. Der Begriff der Gerechtigkeit tritt biblisch vielfältig zutage und zielt in erster Linie auf die Befreiung aus politischer, ökonomischer und kultureller Unterdrückung. In der alttestamentlichen Prophetie wird die Sozialkritik am stärksten und auf sehr kämpferische Art und Weise akzentuiert. Menschen jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens fühlten sich deshalb immer wieder motiviert, den Kampf für soziale Gerechtigkeit zu ihrer ureigensten Sache zu machen.

Jeder weiß, das Glaube in den letzten Jahrtausenden aber auch immer wieder für das Gegenteil missbraucht wurde, nämlich für die Stabilisierung und Legitimierung bestehender Verhältnisse. Hier gibt es eine direkte historische Linie vom ideologischen Konstrukt des Gottesgnadentums bis hin zu den arbeitgeberfreundlichen sogenannten „christlichen“ Gewerkschaften. Ein krasses Beispiele für solch eine destruktive Rolle von Religion ist heute Sarah Palins christliche Rechte in den USA. Doch machte die Linke auch immer wieder die gegenteilige Erfahrung: So waren kirchliche Gruppen stets zentrale Bestandteile der Friedens- und der Anti-AKW- sowie der globalisierungskritischen Bewegung. Kirche ist in den gesellschaftspolitischen Kämpfen für Freiheit und Gerechtigkeit immer wieder Bündnispartner der Linken.

Wie stellen wir als LINKE uns eine pluralistische Gesellschaft vor? Stehen wir für eine graue Einheitsgesellschaft, in der religiöse und andere weltanschauliche Überzeugungen und Symbole aus dem öffentlichen Leben und der öffentlichen Sprache verschwinden müssen? Oder vielmehr für eine bunte Vielfaltsgesellschaft, in der sowohl atheistische als auch religiöse Überzeugungen sichtbar sein dürfen, weil sie für viele Menschen zum Leben dazu gehören? Ich plädiere mit Nachdruck für letzteres. Religion ist nicht einfach Privatsache, die ihren Platz nur in den Herzen von Gläubigen hat. Religion – egal ob man sie auf die konservative oder die progressive Spielart mit ihrem gesellschaftskritischen Potential leben möchte – hat immer auch einen öffentlichen Charakter und muss daher auch öffentlich gelebt werden dürfen. Die LINKE muss für eine Gesellschaft stehen, in der alle Überzeugungen von Menschen, soweit sie das gleiche Recht des anderen achten, sichtbar sein und sich auch öffentlich manifestieren dürfen. Das gilt für Kreuze, Kopftücher und Fahnen mit Hammer und Sichel.

Und der Gottesbezug im Grundgesetz? Er zwingt nichts auf, erinnert aber an die Relativität aller Politik, jeglicher staatlicher Struktur und Ideologie. Dafür steht auch die Unterbrechung des Alltages durch Sonn- und Feiertage. Politik schafft immer nur etwas Vorletztes, nie etwas Letztes. Deshalb ist es auch manchen Menschen wichtig, sich bei ihrer Vereidigung zu einem hohen Staatsamt öffentlich auf das zu berufen, was ihrer tiefsten innersten Überzeugung entspricht: „so wahr Gott mir helfe“. Niemand, der für Freiheit ist, darf sich anmaßen, ihnen das  zu verbieten.

Eine antifundamentalistische und weltoffene Haltung lässt sich bei Glaubensgemeinschaften umso besser erreichen, je weniger sie gesellschaftlich isoliert werden. Kirche muss gezwungen sein, Teil der Gesellschaft zu sein und sich mit deren Problemen auseinanderzusetzen. Christlicher und islamischer Religionsunterricht gehört daher nicht in verschlossene Räume von Kirchen und Moscheen, sondern in öffentliche Schulen und Universitäten. Und Theologie gehört nicht in die Hände ideologischer Kleingeister, sondern in den Kanon der Wissenschaften; als solche kann sie ein Gewinn für den gesellschaftlichen Diskurs sein – und eine stetige Erinnerung daran, dass eine andere, eine bessere Welt möglich ist.

Zur Linken als Bewegung gehörte seit der Aufklärung auch immer eine starke religionskritsche bis religionsablehnende Traditionslinie. Diese hat ihr volles Recht und soll es immer behalten. Andere wiederum glauben an Gott und können aus diesem Glauben heraus gar nicht anders, als politisch links zu sein. Die Türen unserer Partei und die Türen der sozialistischen Gesellschaft, die wir anstreben, müssen für beide Ströme immer offen sein.