Disput, 25.08.2015: Die Matrix braucht Gegenmacht! Das neue Buch von Yanis Varoufakis “Time für Change”

Die Matrix braucht Gegenmacht!

Das neue Buch von Yanis Varoufakis „Time für Change“

 

Was haben Yanis Varoufakis und Oskar Lafontaine gemeinsam, und worin unterscheiden sie sich? Die Gemeinsamkeiten: Beide waren Finanzminister, sind nach weniger als 150 Tagen zurückgetreten, nachdem klar war, dass sie ihre Politik aufgrund der Machtverhältnisse nicht durchsetzen konnten, und beide machten danach mit einem Buch auf sich aufmerksam. Was sie unterscheidet: Lafontaine schrieb „Das Herz schlägt links“ nach seinem Rücktritt und brachte darin zum Ausdruck, dass er durchaus die Hoffnung hatte, seine Politik einer Regulierung der Finanzmärkte in Ansätzen durchsetzen zu können. Varoufakis schrieb sein Buch dagegen bereits vor seinem Amtsantritt und macht darin deutlich, dass er eigentlich von vornherein der Meinung war, dass es im gegenwärtigen politischen Establishment keine Chancen gibt, alternative Politik umzusetzen – weil nämlich jede Gegenstimme zum neoliberal bestimmten Meinungskartell von den Mächtigen vehement bekämpft und in der Minderheitenposition gehalten wird.

Vaoufakis gibt seinem Buch den Untertitel „Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre“. Der Ansatz: in verständlichen Worten zu erklären, worauf die kapitalistische Wirtschaftsordnung beruht, wie sie funktioniert, welche Interessen in ihr vertreten werden und wie es gelingt, den radikalen Kapitalismus  trotz seiner Widersprüche und katastrophalen Folgen durchzusetzen.

Ausgehend von der Frage „Warum gibt es so viel Ungleichheit?“ beschreibt Varoufakis, wie sich aus einer Welt, in der Märkte nicht die zentrale Rolle spielten, eine Marktgesellschaft entwickelt hat. Der Schlüssel liegt für ihn in der ersten technischen Revolution, der Entwicklung des Ackerbaus, der vor allem in den Regionen vonstattenging, in denen die geographischen Bedingungen die Akkumulation von Agrarüberschüssen ermöglichten und zu einer Konzentration von politischer Macht und Reichtum auf Wenige führten.

Damit einher ging, wie er ausführt, die Entwicklung von Ideologie, die diese zunehmende Ungleichheit rechtfertigte. Sehr eindimensional ist die Rolle, die Varoufakis in diesem Zusammenhang  der Religion zuschreibt. Diese reduziert er auf “Priester”, deren einzige Rolle es sei, die jeweils herrschenden Verhältnisse zu stabilisieren. Diese Funktion religiöser Systeme  hat es zweifellos auch immer gegeben und gibt es bis heute. Aber das gesellschaftskritische und emanzipatorische Potential, das zum Beispiel in der jüdisch-christlichen Tradition steckt, vom alttestamentlichen Exodus bis zur Kapitalismuskritik von Papst Franziskus “(Diese Wirtschaft tötet.”) – kommt bei Varoufakis nicht vor. Müsste es aber, wenn man Religion in die Argumentation mit einbezieht. Auch das übrigens ist ein Unterschied zu Lafontaine, der das progressive Potential von Glauben immer würdigt und betont.

Den Weg zur Industrialisierung und Globalisierung referiert Varoufakis auf „kindgerechte“ Weise anhand der klassischen marxistischen Analyse. Nur vereinzelt kommt es dabei zu unpräzisen und dadurch nicht ganz nachvollziehbaren Aussagen, zum Beispiel wenn er den so generell ja nicht eingetretenen tendenziellen Fall der Profitrate anhand der fraglichen Tatsache erläutert, eine zunehmende Ersetzung menschlicher durch maschinelle Arbeitskraft führe zu einem Rückgang der Gewinne.

Einen zentralen Raum nimmt die Beschreibung der Verankerung der neoliberalen Ideologie in den menschlichen Köpfen ein: Varoufakis nimmt hier als Folie den Film Matrix, in dem Maschinen die Macht übernommen und zur Ruhigstellung der Menschen eine eigene virtuelle Realität geschaffen haben. Für Varoufakis ist dies keine düstere Zukunftsvision, sondern eine Beschreibung der heutigen Realität, in der die Versklavung der Menschen durch die Zwänge der Marktgesellschaft ideologisch verschleiert und euphemisiert wird.

Auch das Prinzip des Schuldenkapitalismus macht Varoufakis anhand einer Zukunftsvision, die längst Wirklichkeit geworden ist deutlich: Kreditaufnahmen sind nichts anderes als Zeitreisen, in denen man sich Geld aus der Zukunft kauft. Wenn das nicht klappt, spricht man in „Zurück in die Zukunft“ von einem Raum-Zeit-Paradoxon, der im Ernstfall zur Zerstörung des gesamten Universums führt. In der Realität bricht zumindest eine katastrophale Krise auf, deren Folgen für die Marginalisierten in der Tat apokalyptisch sind.

Ein Buch, das wachrüttelt, weil es bewusst macht, mit welcher Wucht Politik weltweit von den Interessen der Superreichen manipuliert und bestimmt wird. Und was mit denen gemacht wird, die versuchen, eine andere Politik durchzusetzen. Doch kann es auch als Wut- und Mutmacher wirken, sich dem zu stellen und Gegenmacht zu stärken.