Die Linke sollte auch mal Persönlichkeiten in ihren Vorstand wählen

Betr. „Vor dem Parteitag – Das Panikorchester“ (SZ vom 23.06.2022)
Sehr geehrte Damen und Herren,
normalerweise erlebe ich die SZ als ziemlich faktensicher, aber in Ihrem oben genannten Leitartikel sind Ihnen gleich vier sachliche Fehler unterlaufen, worauf ich Sie für Ihre bekannte Rubrik „Korrekturen“ aufmerksam machen möchte:
1) Es ist nicht zutreffend, dass Oskar Lafontaine „die SPD-Konkurrenz WASG gegründet“ hat. Vielmehr wurde die WASG  ohne Oskar Lafontaine gegründet, als dieser noch SPD-Mitglied war und es auch noch eine ganze Zeit lang blieb. Allerdings wäre die WASG nach allen Umfragen genau wie die PDS bei der Bundestagswahl 2005 und wahrscheinlich bei allen darauffolgenden Wahlen unter 5% geblieben, also keine „SPD-Konkurrenz“ geworden. Oskar Lafontaine schlug dann ein Zusammengehen von WASG und PDS vor. Dies war der entscheidende Schritt, der eine ungeheure Dynamik entfachte und das Parteiensystem bis heute veränderte.
2) Es ist nicht zutreffend, das „Bewegungslinke mit Betriebsräten streiken“. Zutreffend ist vielmehr, dass in Deutschland Betriebsräte nicht streiken dürfen; Ihnen ist sogar der Aufruf zum Streik untersagt. Während eines Streiks sind die freigestellten Betriebsratsmitglieder im Idealfall die einzigen Beschäftigten, die  n i c h t  streiken. In den Streik treten vielmehr gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Bewegungslinke streiken, auch hier irren Sie sich, in der Regel  n i c h t mit – es sei denn sie sind zufällig auch gewerkschaftlich organisierte Beschäftigte des jeweiligen Betriebes. Das kommt allerdings eher selten vor – Bewegungslinke halten nicht so viel von betrieblicher Arbeit, sondern mehr vom bedingungslosen Grundeinkommen.
3) Es ist nicht zutreffend, dass Sahra Wagenknecht „gleichzeitig die populärste und die unbeliebteste Politikerin der Linken“ ist. Das klingt zwar wunderbar dialektisch, ist trotzdem von der Logik her nicht möglich. Nach allen (!)  Umfragen ist Sahra Wagenknecht vielmehr gleichzeitig die populärste und die beliebteste Politikerin. Bei ihren innerparteilichen Gegnern indes ist weniger die eigene  Unbeliebtheit als vielmehr die eigene völlige Unberkanntheit das Problem.
4) Es ist nicht zutreffend, dass Die Linke vor der Entscheidung steht, ob sie „Putins Angriffskrieg aufs Schärfste verurteilen“ oder „der NATO eine Mitschuld“ geben soll. Richtig ist vielmehr, dass die wenigen Linken, die die Gelegenheit bekommen, in Talkshows ihre Meinung bekanntzumachen, überwiegend beides gleichzeitig tun, also gleiche Maßstäbe an alle Kriegstreiber anlegen. Genau wie der Papst. Und absolut zu Recht. Der Papst hat dafür allerdings auch ziemlich unsachliche Kritik bekommen.
5) Zutreffend ist allerdings ihre Anregung am Schluss ihres Artikels, dass die Partei vielleicht auch Persönlichkeiten in ihren Vorstand wählen sollte, bei denen die Chance besteht, dass sie „ab und zu in eine Talkshow eingeladen zu werden“. Das war, glaub ich, zuletzt bei der Vorstandwahl 2009 der Fall. Ihr Vorschlag, liebe SZ, dass DIE LINKE auch ein wenig auf ihre Außenwirkung achten sollte ist so grandios, dass es sich allein schon wegen dieses Vorschlages gelohnt hat, Ihren Leitartikel gelesen zu haben.
Jonas Christopher Höpken
Mitglied im Bundesausschuss DIE LINKE
Ratsherr Die LINKE.Oldenburg