Am deutschen Wesen wird die katholische Kirche nicht genesen

Veröffentlichter Leserbrief zum Kommentar „Der Vatikan gibt sich den Rest“ (Süddeutsche Zeitung vom 22.7.22)
„Am deutschen Wesen wird die katholische Kirche nicht genesen!“ – So kann man die Botschaft aus dem Vatikan auch zusammenfassen. Sicher hat Annette Zoch nicht Unrecht, wenn sie das Ersticken des Engagements deutscher Kirchenaktivisten anspricht. Aber wie zentral ist es wirklich, sich im Kampf gegen das Zölibat und für die Ausweitung des Diakonatsamtes aufzureiben? Zahlreiche Christinnen und Christen haben ihren Schwerpunkt woanders, jenseits der Themen des Synodalen Wegs: im Kampf gegen die Verarmung weiter Bevölkerungsgruppen, gegen drohende oder schon passierte Wohnungslosigkeit von Menschen mit wenig Geld, für das Recht, auf der Flucht aus Krieg und Not  nicht im Mittelmeer  zu ertrinken, gegen die Verheizung von Menschen für imperialistische Kriegsinteressen, für das Stop der Ausbeutung der Natur in Amazonas und Nordsee und der damit verbundenen Vernichtung von Lebensmöglichkeiten. „Diese Wirtschaft tötet.“ – das ist der  Leitsatz des Pontifikats von Papst Franziskus. Die Gottesfrage muss im Mittelpunkt kirchlichen Handelns stehen. Wenn Gott ein Gott des Leben ist – was ist dann in der Nachfolge Jesu wichtiger: das Engagement gegen menschlichen Tod durch die Durchsetzung von Profitinteressen – oder der heldenhafte Kampf für das Recht, auch als  Verheirateter eine Priesterweihe zu bekommen? Man kann von Papst Franziskus nicht sagen, dass er nicht mutig ist. Für seine Kritik an der herrschenden Wirtschaftsordnung, aber auch an der Logik von Waffenlieferungen und Kriegseskalation bekommt er viel Hass und Anfeindungen zu spüren. Aber er setzt andere Schwerpunkte als das gutbürgerliche Kirchenmilieu in Deutschland, dessen binnenkirchliche Reformforderungen ihm keine Kirchenspaltung wert sind. Meines Erachtens zu Recht, auch wenn ich durchaus bei jeder Abstimmung für die meisten Ergebnisse des Synodalen Weges stimmen würde.
Jonas Christopher Höpken