disput, 18.04.2013: Gebt Franziskus eine Chance! Der neue Papst und die Linke.

Gebt Franziskus eine Chance!

Der neue Papst und die Linke

 

Von Jonas Christopher Höpken

 

Der neue Papst – der Anti-Linke in Person? Ein Scherge der ehemaligen Militärdiktatur in Argentinien, so wie schon Benedikt XVI. ein Hitlerjunge war? Gewählt, um der lateinamerikanischen Linken den Garaus zu machen –so wie schon Papst Johannes Paul II. dem Kommunismus in Europa den Todesstoß versetzt haben soll? Oder einfach nur ein reaktionärer „alter Sack“, wie die taz herausböllerte? Die katholische Kirche – ein manipulativer Konzern, der die Medien gerade in Deutschland beherrscht, was man schon daran sieht, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen die Bekanntgabe des neu gewählten Papstes tatsächlich live vom Petersplatz übertragen hat, wie auf Albrecht Müllers Nachdenkseiten angeprangert wurde?

Lauter Aussagen ansonsten guter kritischer Publikationsorgane, denen ich in diesem Punkt aber widersprechen muss: Leute, ihr übertreibt wirklich! Lasst die Kirche bitte im Dorf – und akzeptiert sie als Teil dieser Gesellschaft. Ihr braucht vor diesem Papst wirklich keine Angst zu haben. Auch nicht davor, dass ab und zu mal im Fernsehen Bilder von ihm zu sehen sein werden –z. B. Weihnachten und Ostern um die Mittagszeit. Ihr braucht Eure kostbare Kraft nicht für Hetze gegen den Bischof von Rom zu verschwenden. Es gibt auf dieser Welt Menschen, die katholischen Glaubens sind, und trotzdem ganz normal – manchmal sogar links, mich zum Beispiel. Wir Linkskatholiken haben der Welt manchmal etwas zu sagen –das kann man dann gut finden oder nicht – oder kann man es auch einfach ignorieren. Wir werden jeder Kritik zustimmen, die sich auf reaktionäre Worte und Taten des Papstes bezieht. Aber gebt unserem Franziskus eine Chance – und beurteilt ihn dann konkret. Ich glaube, dass er die Welt mit manchem überraschen wird – und zwar überwiegend nicht zur Freude der reaktionären Rechten.

Die ersten Worte und Gesten von Papst Franziskus waren ermutigend: für eine Kirche der Armen, gegen Prunk und Prestigegehabe, für eine Kirche, die „an die Grenzen der menschlichen Existenz“ geht, gegen einen „Geist des theologischen Narzissmus“, für „Veränderungen und Reformen“ und eine offene Kirche.

Damit sollen konservative Ansichten auch des neuen Papstes nicht kleingeredet werden. Zum Beispiel im Hinblick auf die Haltung zur Homosexualität. Hier vertritt Papst Franziskus bislang die traditionelle Linie, und die ist nicht akzeptabel. Zwar ist klarzustellen: Mit dieser Linie wendet sich der Papst nicht wie ein Rechtsradikaler feindselig gegen homosexuelle Menschen, die er als genau so von Gott geliebt ansieht wie die mit heterosexueller Orientierung – aber er ist, wie er jedenfalls als Kardinal in Argentinien deutlich machte, gegen die rechtliche Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften. Diese diskriminierende Haltung muss die katholische Kirche dringend überwinden. Ähnliches gilt für die Haltung zum Frauenpriestertum. Und zur Pille. Und zu Kondomen. Und natürlich zur spannenden Frage der Jungfrauengeburt. Aber im Vertrauen: Ich kenne wirklich viele Katholikinnen und Katholiken. Und die überwältigende Mehrheit davon lässt den zölibatär lebenden Papst in diesen Fragen einfach einen guten Mann sein.

Für wesentlich entscheidender halte ich, wie Papst Franziskus sich zur globalen sozialen Frage positioniert, und zu Krieg und Frieden. Ob er sich mit dem Gewicht seines Amtes gegen Krieg wendet und für die Überwindung ausbeuterischer Strukturen einsetzt.

Und hier gibt es Grund zur Hoffnung. In Argentinien galt Bergoglio als Kardinal der Armen. Er legte sich mit der Regierung Kirchner an – und zwar nicht in erster Linie wegen der Homo-Ehe, sondern vor allem wegen ihrer neoliberalen Wirtschafts- und Sozialpolitik. Während die Junge Welt über eine rechte Verschwörung spekulierte, die zur Wahl Bergoglios zum Papst geführt habe, erzählen in Lateinamerika gerade Kämpfer der bolivarischen Revolution die schöne Geschichte, Chavez selbst habe vom Himmel aus diese Papstwahl positiv beeinflusst  – dafür sei er ja auch extra rechtzeitig nach oben berufen worden.

Wenn Franziskus als Papst an das anknüpft, was er als Kardinal an kapitalismuskritischen und Anti-Kriegs-Thesen vertreten hat, kann er ein unbequemer und sperriger Faktor im globalen Diskurs sein: als Anwalt gegen die Ausbeutung von Menschen durch Menschen. Darauf setze ich – als Katholik und als Linker.

 

Jonas Christopher Höpken, Oldenburg

Kath. Theologe

Ratsherr DIE LINKE.Oldenburg